Eine ganze Reihe von Problemen, die sich zum Teil gegenseitig verstärken: Die niedersächsischen Industrie- und Handelskammern haben sich jetzt gemeinsam mit den vier niedersächsischen Verbänden der beruflichen Bildung zur Situation der Berufsschulen geäußert und vor allem konkrete Lösungsvorschläge auf den Tisch gelegt. Wichtig aus Sicht der Schulen: Mehr Entscheidungsfreiheit. 

 

Vielen Berufsschulen in Niedersachen fehlt es derzeit an den Möglichkeiten, um junge Menschen bestmöglich zu unterrichten. Und das in einer Zeit, der die Wirtschaft dringend gut ausgebildeten Nachwuchs sucht. Allein schon, weil die geburtenstarken Jahrgänge auf dem Sprung in den Ruhestand sind, wie IHKN-Hauptgeschäftsführerin Maike Bielfeldt betonte. Also gehe es darum, das machte sie deutlich, „gemeinsam die berufliche Bildung zu stärken.“ Sie wies auf die aktuell bei 93 Prozent liegende Unterrichtsversorgung an den Berufsschulen hin: Hier müsse man alles daransetzen, das zu verbessern – „und zwar wohnortnah.“

Teufelskreis: Weite Wege – fehlender ÖPNV

Wenn für einen Ausbildungsberuf die Berufsschule zu weit entfernt oder wegen schlechter ÖPNV-Anbindungen zu schlecht erreichbar sind, entscheiden sich junge Menschen für andere Möglichkeiten: Das hätten alle Studien gezeigt, so Maike Bielfeldt. Man kann sich eine Art Teufelskreis vorstellen: Weite Wege zur Berufsschule schrecken ab, die Zahl der Schülerinnen und Schüler in den betroffenen Berufen und Regionen sinkt, und es wird schwieriger, Klassen zu bilden – schlimmstenfalls mit der Folge, dass der Unterricht für die betroffenen Berufe nicht mehr möglich ist. Das würde eine weitere Konzentration der Standorte bedeuten, mit noch weiteren Wegen für Schülerinnen und Schüler. Oder es gibt nur noch alle zwei Jahre eine KIasse: Damit allerdings wird die Ausbildung für Unternehmen zunehmend unattraktiv, es werden weniger Lehrstellen angeboten. „Wenn Sie die Standorte beerdigen, beerdigen Sie die Ausbildung vor Ort“, sagte Joachim Maiß, Vorsitzender des Verbandes für Lehrerinnen und Lehrer an Wirtschaftsschulen in Niedersachsen (VLWN). Auch Ralph Böse vom Berufsschullehrerverband Niedersachsen (BLVN) warnte vor einer Zersplitterung der Berufsschulen und einer Abstimmung mit den Füßen, wenn wohnortnaher Unterricht nicht mehr möglich sei.

„Schulförderung ist Wirtschaftsförderung“

Solchen Entwicklungen wollen die Industrie- und Handelskammern und die Verbände etwas entgegensetzen. Dabei geht es sowohl um die Lehrkräfte als auch um die Ausstattung der Schulen, insbesondere im IT-Bereich. Dazu wurde das gemeinsame Papier zur Weiterentwicklung der Berufsschulen erarbeitet, das Ende März vorgestellt wurde. „Schulförderung ist Wirtschaftsförderung“, betonte Bielfeldt.

Digitalisierung: Ausstattung und Konzepte

Wesentlich ist dabei die Digitalisierung der Berufsschulen. Dabei geht es sowohl um die IT-Ausstattung als auch um die Inhalte. Joachim Maiß, auch langjähriger Leiter der Multimedia-BBS in Hannover, wie darauf hin, dass „E-Didaktik“ in der Lehrerausbildung bislang kaum etabliert sei. Mittel für die IT-Ausstattung seien vorhanden, so Maiß. Er rief aber dazu auf, bei Vorhaben weniger ängstlich zu sein: Der deutsche Hang zur perfekten Planung behindere die Umsetzung ebenso wie Bürokratie, die entschlackt werden müsse. Wesentlich aber seien die Konzepte für den Unterricht, so Maiß: „Wir buddeln das Kabel ein, aber was wird damit machen, das ist noch nicht klar.“

Lehrer nur für den Unterricht einsetzen

Carsten Melchert, Geschäftsführer des Schulleitungsverbandes Niedersachsen (SLVN), sprach die „schlechte Unterrichtsversorgung“ an den Berufsschulen an, von der gerade ländlichen Regionen besonders betroffen seien. Damit Lehrerinnen und Lehrer mehr unterrichten können, sollten sie von Aufgaben befreit werden, die auch anders erledigt werden können. Dazu schlagen Kammern und Verbände die Bildung sogenannter multiprofessioneller Teams vor. Neben organisatorischen Aufgaben, etwa der Bearbeitung von Krankmeldungen, ist dabei die Betreuung der IT-Systeme ein zentraler Bereich. Ein altes Problem, so Ralph Böse: Die Verantwortung für den IT-Support werde zwischen Kommunen und Land hin- und hergespielt. Leittragende seien die Schulen. Hier könnten die multiprofessionellen Teams helfen. Allerdings fehlt den Schulen dazu offenbar noch die nötigen Freiräume, wenn etwa nur Lehrkräfte eingestellt und ansonsten nur befristete und damit vergleichsweise unattraktive Arbeitsverträge für gesuchte Fachleute abgeschlossen werden dürften,

Um die Unterrichtsversorgung zu verbessern, könne man nur übergangsweise auf zusätzlich qualifizierte Fachleute, die über einen Quereinstieg an die Schulen kommen, sowie auf bereits pensionierte Lehrkräfte zurückgreifen. Vor allem müsse es attraktiver werden, als Lehrerin oder Lehrer zu arbeiten, so die Verbände. Eine bloße Ausweitung der Studienkapazitäten werde nicht ausreichen.

Mehr Berufe gemeinsam unterrichten

Kritik von den Berufsschulen gab es für die Vorgaben des Landes, nach denen Azubis verschiedener Berufe gemeinsam unterrichtet werden können. Die Liste dieser so genannten affinen Berufe sei aktuell zu restriktiv, erklärte Ralph Böse. Gemeint sind Berufe, in die sich inhaltlich überschneiden, zum Beispiel in der Metalltechnik. So sei es jetzt nicht mehr möglich, Feinmechaniker gemeinsam mit Industriemechanikern zu unterrichten, obwohl das aus Sicht der Schule wie auch der Wirtschaft möglich wäre.

ProReKo wie vereinbart umsetzen

Grundsätzlich wird im gemeinsamen Papier mehr Entscheidungsfreiheit für die Berufsschulen gefordert. Joachim Maiß erinnerte an das ProReKo-Projekt zwischen 2003 und 2007. Dabei hätten 19 Berufsschulen in Niedersachsen eigenverantwortlich arbeiten. Inzwischen seien andere Länder hier weiter, sagte Maiß. Im aktuellen Koalitionsvertrag in Niedersachsen habe man zwar ein „ProReKo 2.0“ vereinbart, passiert sei aber noch nichts.

Die Verbände der beruflichen Bildung setzen sich auch für eine verbesserte Berufsorientierung ein. Damit und mit einem Coachingsystem an den Berufsschulen lasse sich nicht nur Ausbildungsabbrüchen entgegenwirken: Der Ausbau der beruflichen Orientierung an allgemein bildenden Schulen sei ein wesentlicher Baustein zur Stärkung der dualen Ausbildung insgesamt. Auch die Industrie- und Handelskammern setzen sich seit langem für die Stärkung der Berufsorientierung ein, insbesondere nach den von der Pandemie erzwungenen Einschränkungen in diesem Bereich. Uwe Backs, Vorsitzender der Niedersächsischen Direktorinnen- und Direktorenvereinigung Berufsbildender Schulen (NDVB), sprach dabei insbesondere die Gymnasien an. Backs ist Leiter der Berufsschule in Neustadt am Rübenberge. Hier gibt es seit vielen Jahren das Neustädter Modell der Berufsorientierung, das mit Unterstützung der IHK Hannover eingerichtet wurde und sich an Schülerinnen und Schüler der 9. und  10. Klassen von Haupt- und Realschulen wendet. Aktuell müsse er um die Mittel für dieses Projekt kämpfen, so Backs. Und selbst in Neustadt seien die Gymnasien in diesem Modell unterrepräsentiert.

 

Hier finden Sie das gemeinsame Papier der IHK Niedersachen und der Verbände der beruflichen Bildung zur Zukunft der Berufsschulen.

 

 

 

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