Der Rattenfänger ist ein Pfund. Aber man muss auch damit wuchern. Die Hameln Marketing und Tourismus GmbH stellt sich dem seit mehr als 25 Jahren. Wobei gilt: Erfolg macht Mut zu mehr.

 

Der Saal tobt: Was da durchs Hamelner Stadttheater rockt, klingt verdächtig nach Chris de Burghs 80er-Jahre-Hit „Don’t pay the Ferryman“. Ist es aber nicht. Es geht um Freiheit für Nottingham, und gerade geht das Musical Robin Hood über die Theaterbühne.

Mit Applaus über die Bühne: Robin Hood war vor wenigen Wochen für eine zweite Spielzeit beim MusicalWinter in Hameln.

Aber tatsächlich: Der irische Musiker hat zusammen mit Dennis Martin von der Fuldaer Produktionsfirma Spotlight Musicals die Musik zum Stück über den freiheitskämpfenden und wegelagernden Bogenschützen geschrieben. Und am Premierenabend Anfang Dezember ist de Burgh in Hameln, zum zweiten Mal nach 2022.

Knapp vier Wochen nach der Premiere werden rund 13.500 Musical-Fans die 24 Aufführungen besucht haben. Etwas weniger als noch im Vorjahr, als Robin Hood zum ersten Mal nach Hameln kam. Aber bei der Hameln Marketing und Tourismus GmbH zieht Geschäftsführer Harald Wanger nichtsdestotrotz eine zufriedene Bilanz. Das Unternehmen, hinter dem als Gesellschafter die Stadt Hameln und der Stadtmarketing- und Verkehrsverein stehen, ist Veranstalter des MusicalWinters.

Unter dieser Marke laufen inzwischen die seit 2012 jährlich veranstalteten Spielzeiten: Hameln Marketing und Tourismus, kurz HMT, arbeitet seitdem durchgehend mit Spotlight Musicals zusammen. Den Auftakt machte vor fast zwölf Jahren ebenfalls ein Mittelalter-Stoff: Die Päpstin.

Robin Hood tourt in diesem Frühjahr durch Zürich, Frankfurt und Berlin: Keine schlechte Gesellschaft für Hameln. Und zuvor war im vergangenen November München Spielort. Spotlight-Geschäftsführer Peter Scholz, in Fulda zu Hause, ist aber wie Harald Wanger überzeugt, dass Produktionen wie Robin Hood oder Die Päpstin oder auch Die Schatzinsel gut zu mittelgroßen Städten passen.

Winter in Hameln: Christ de Burgh (M.) mit HMT-Chef Harald Wanger (r.) und Peter Scholz von Spotlight Musicals.

Inzwischen hat Wanger gemeinsam mit Dennis Andres als weiterem HMT-Geschäftsführer und einem runden Dutzend Mitarbeitenden eine eingespielte Routine bei der Vermarktung des MusicalWinters erreicht – neben den anderen Veranstaltungen, die im Laufe des Jahres in Hameln organisiert werden. Und zudem brauchen auch die Rattenfängerhalle und das Weserbergland-Zentrum Auslastung.

Wobei das HMT-Team auch einen Job bietet, den es sonst nirgendwo gibt: Der US-Amerikaner Michael Boyer ist mit großer Wahrscheinlichkeit nicht die Reinkarnation des Rattenfängers, aber einer von denen, die ihn in Hameln verkörpern. Boyer ist seit langen Jahren dabei, unter seinem Bild liest man auf der HMT-Website schlicht: Rattenfänger. Sein mittelalterlicher Vorläufer übrigens steht seit 2014 auf der nationalen Weltkulturerbe-Liste.

Aber ganz unabhängig von allen Taktgebenden bei der HMT: Ein Stadtmarketing-Unternehmen als Musical-Veranstalter und für den Ticketverkauf, also den Vertrieb zuständig? Natürlich ein Risiko – aber: Warum nicht? Dieses „Warum nicht?“ ist es vielleicht, das die 1997 gegründete Hameln Marketing und Tourismus GmbH, eine der ersten Stadtmarketing-Gesellschaften in dieser Rechtsform, seither prägt. Zum Beispiel lockte Hameln schon vor Chris de Burgh einen anderen Rockstar an die Weser. 1999 wurde ein neues, zeitgemäßes Stadt-Logo gesucht. Warum also nicht bei der Suche nach einem Jury-Mitglied weltweit Prominente anschreiben, die etwas mit dem Rattenfänger zu tun haben?

Vor Chris de Burgh schon Jethro Tull

Antwort kam aus London. Ian Anderson heißt der Mann, als Querflötist Kopf seiner Band Jethro Tull. Die startete in den 60ern, stand mit den Rolling Stones in einer einigermaßen bizarren Filmproduktion vor der Kamera. Genau 20 Jahre später gab’s einen Grammy. Anderson schrieb Titel mit Rattenfänger-Anspielungen und galt auch sonst wegen seines Bühnenauftritts als eine Art Wiedergänger der Hamelner Sagenfigur.

Wenig verwunderlich, dass er der Einladung nicht widerstand. Und es dürfte ihm gefallen haben, zwei Jahre später seine Europa-Tournee ausgerechnet in der Rattenfängerhalle beginnen zu können. Was der Stadt bundesweit Aufmerksamkeit bescherte.

Und es passte zum Plan. Der Rock-Flötist blies schon einiges von dem Staub weg, der sich auf dem sagenhaften Image Hamelns angesammelt hatte. Denn das ergab eine Studie, die von der HMT seinerzeit in Auftrag gegeben wurde. Mit dem Rattenfänger hat Hameln eine riesige Bekanntheit weltweit. Aber wurde auch als angestaubt wahrgenommen. Genauer: Die Uni Göttingen habe der Stadt eine „antiquierte“ Darstellung der Sage unter die Nase gehalten, so die HMT selbst.

Rats: Kultur umsonst und draußen in der Innenstadt

Warum also nicht das traditionsreiche sonntägliche Rattenfänger-Freilichtspiel ergänzen durch ein Musical mitten in der Woche, bei dem der Rattenkönig als Super-Punk über die Bühne hüpft und schließlich in die Weser abtaucht? Gedacht war das als Projekt zur Weltausstellung im Jahr 2000 in Hannover. Seitdem läuft das Stück und läuft und läuft, finanziert durch Sponsoren und daher umsonst und draußen. Wenn man so will, ein früher Beitrag zum Thema Kultur in der Innenstadt.

Und warum nicht 725 Jahre nach dem Erscheinen des Rattenfängers in der Stadt ganz anders als bis dahin eine düstere Kampagne starten? Mit Ratten-Illustrationen ohne jeden Sympathiewert und der Aufforderung: „Happy End? Fahren Sie woanders hin!“ Schließlich, und das wurde nicht verschwiegen, geht es um verschwundene Kinder. Die Jury des Deutschen Tourismuspreises jedenfalls lobte den Mut Hamelns, sich ein neues Image zu geben.

Die Risiken einer solchen Kampagne lagen auf dem Tisch. Aber Harald Wanger war damals anzumerken, wie sehr ihn das reizte, wie sehr er einer solchen Chance nachgetrauert hätte, wäre sie verpasst worden.

Vielleicht gehört es aber zu den Wesenszügen des HMT-Chefs, auch große Aufgaben machbar erscheinen zu lassen: Warum nicht? Und es funktioniert offenbar.

Genau bei den Zahlen

Dabei hat er immer auch die Zahlen im Blick, sagt von sich selbst, er sei ein Zahlenmensch. Bei der Erfolgskontrolle setzt er auf Studien und wirkt jedes Mal akribisch, wenn er über Zielgruppen und Reiseverhalten spricht. Rund 220.000 Gästeübernachtungen zählt die amtliche Übernachtungsstatistik und 4,1 Millionen Tagesbesucher, die 146 Mio. Euro Brutto-Umsatz pro Jahr nach Hameln bringen.

Die HMT hat auch eigens untersuchen lassen, wie wie hoch der Anteil der so genannten Parahotellerie ist, also zum Beispiel Ferienwohnungen, Betriebe mit weniger als zehn Betten oder auch Wohnmobile: Dann liegt die Übernachtungszahl mehr als verdoppelt bei insgesamt 450.000.

Die Pandemie war ein Einschnitt, auch für die HMT-Umsätze. 2022 waren es wieder gut 2,1 Mio. Euro, gegenüber etwa 1,4 Mio. Euro im Jahr zuvor. 2022 erhielt die HMT zudem rund 1,8 Mio. Euro an Zuschüssen, einschließlich rund 800.000 Euro an Fördergeldern aus dem Programm „Perspektive Innenstadt“.

Bei der Aufholjagd nach Corona übrigens klang es wieder ein bisschen rockig. „Komm, wie Du bist“, da schwingt Nirvana mit. Mit diesem Programm soll seit 2021 die Hamelner Innenstadt neu belebt werden. Dazu gehört ein Farbkonzept, mit dem geworben wird, das sich an Haus- und Geschäftsfassaden wiederfindet. Und zu dem passende Innenstadt-Möbel gegebaut wurden. Dafür erhielt Hameln den Destination Award.

Mit der „Klimakiste“ – einem Container, der an heißen Tagen in der Innenstadt Abkühlung bot – und dem Thema Hitzeresilienz schloss das Stadtmarketing daran an. Gerade arbeitet das Team um Wanger und Andres an einem kulturtouristischen Konzept.

Auch das Ziel, sich als Musical-Stadt weiter zu festigen, steht in diesem Jahr wieder auf dem Programm. Und nach zwei Jahren Robin Hood geht im kommenden Winter Die Päpstin in einer Neuinszenierung über die Bühne.

 

 

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